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Flohsamenschalen: Wie wirken sie, wie nimmt man sie richtig ein?

Ein Teelöffel Pulver, ein Glas Wasser, fertig? Ganz so einfach ist es nicht. Wer Flohsamenschalen nimmt, macht mit ein paar Details den Unterschied zwischen angenehmer Wirkung und Bauchgrummeln.

NWJ Redaktion9 Min. Lesezeit
Holzlöffel mit hellen Flohsamenschalen neben einem Glas Wasser, in dem die Schalen zu einem Gel aufquellen

Das Wichtigste in Kürze

  • Flohsamenschalen stammen vom Indischen Flohsamen (Plantago ovata) und können laut EMA bis zum 40-Fachen ihres Gewichts an Wasser binden.
  • Pro Gramm Flohsamenschalen sollten Sie mindestens rund 30 ml Flüssigkeit trinken, sonst drohen Verstopfung oder im Extremfall ein Darmverschluss.
  • Zwischen Flohsamenschalen und Medikamenten gehört ein Abstand von mindestens einer halben bis einer Stunde.
  • In Studien senkten rund 10 g täglich das LDL-Cholesterin im Mittel um 0,33 mmol/l (etwa 13 mg/dl).
  • Langsam einschleichen: Anfangs sind Blähungen möglich, sie lassen meist nach, wenn sich der Darm gewöhnt hat.

Morgens ein Glas Wasser, darin ein Löffel helles Pulver, kurz umrühren und schnell austrinken, bevor alles zu Gelee wird: So sieht für viele Menschen der Start in den Tag aus. Flohsamenschalen gehören zu den beliebtesten Ballaststoffquellen in Deutschland, sie stehen in Drogerien, Apotheken und im Supermarkt.

Dabei sind sie mehr als ein Trend. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat ihnen eine eigene Monografie gewidmet, und zur Wirkung auf Cholesterin und Verdauung gibt es Dutzende kontrollierte Studien. Gleichzeitig sind Flohsamenschalen kein harmloses Müsli-Topping: Wer zu wenig trinkt oder sie zur falschen Zeit nimmt, kann sich Probleme einhandeln.

In diesem Artikel erfahren Sie, was Flohsamenschalen im Darm tun, was Studien tatsächlich zeigen, wie Sie sie sinnvoll dosieren und wer vor der Einnahme mit Arzt oder Apotheke sprechen sollte.

Was sind Flohsamenschalen?

Flohsamenschalen sind die äußeren Hüllen der Samen des Indischen Flohsamens (Plantago ovata), einer Wegerich-Art aus Indien und Pakistan. Im Englischen heißen sie Psyllium, in Fachtexten auch Ispaghula. Ihren Namen verdanken die Samen ihrer Form: klein, braun und glänzend wie ein Floh.

Die Schale besteht laut EMA zu rund 85 Prozent aus wasserlöslichen Ballaststoffen, vor allem aus Schleimstoffen. Diese können bis zum 40-Fachen ihres Eigengewichts an Wasser binden. Deshalb verwandelt sich ein Glas Wasser mit Flohsamenschalen nach wenigen Minuten in eine dickflüssige Masse.

Wichtig ist die Abgrenzung zu den ganzen Flohsamen. Die ganzen Samen enthalten neben der Schale auch den Kern, quellen aber deutlich weniger. Wer von „Flohsamen“ liest, sollte also genau hinschauen, welches Produkt gemeint ist. Die Studien in diesem Artikel beziehen sich auf die Schalen.

So wirken Flohsamenschalen im Darm

Flohsamenschalen werden im Dünndarm nicht verdaut. Sie gelangen als quellende Masse in den Dickdarm, binden dort Wasser und vergrößern das Stuhlvolumen. Der Stuhl wird weicher, die Darmwand wird stärker gedehnt, und dieser Dehnungsreiz regt die Darmbewegung an. Gleichzeitig bildet der Schleim eine Art Gleitschicht.

Interessant ist, dass Flohsamenschalen nicht nur bei hartem Stuhl eine Rolle spielen. Die deutsche Reizdarm-Leitlinie nennt lösliche Ballaststoffe auch für Menschen mit eher weichem Stuhl als mögliche Option, weil das Gel Wasser bindet und den Stuhl gleichmäßiger formt.

Die EMA beschreibt, dass die Wirkung meist 12 bis 24 Stunden nach der Einnahme einsetzt und manchmal erst nach 2 bis 3 Tagen ihr Maximum erreicht. Wer nach dem ersten Glas sofort eine Veränderung erwartet, wird also oft enttäuscht.

Was Studien zeigen

Cholesterin

Am besten untersucht ist der Effekt auf die Blutfette. Eine Metaanalyse im American Journal of Clinical Nutrition (Jovanovski und Kollegen, 2018) wertete 28 randomisierte Studien mit insgesamt 1.924 Teilnehmenden aus. Bei einer mittleren Menge von rund 10,2 g Flohsamenschalen pro Tag sank das LDL-Cholesterin im Schnitt um 0,33 mmol/l, das entspricht etwa 13 mg/dl.

Die EMA nennt für Menschen mit leicht bis mäßig erhöhtem Cholesterin eine Senkung des LDL um etwa 7 Prozent. Das ist ein messbarer, aber begrenzter Effekt. Er ersetzt keine vom Arzt verordnete Therapie. Ob Flohsamenschalen auch Herzinfarkte oder Schlaganfälle seltener machen, ist offen: Entsprechende Untersuchungen liegen laut EMA nicht vor.

Verdauung und Reizdarm

Für Menschen mit Reizdarmsyndrom ist die Datenlage ebenfalls ordentlich. In einer Metaanalyse im American Journal of Gastroenterology (Moayyedi und Kollegen, 2014) zeigten nur lösliche Ballaststoffe wie Psyllium einen Nutzen, Weizenkleie dagegen nicht. Rechnerisch mussten sieben Menschen lösliche Ballaststoffe nehmen, damit einer zusätzlich spürbar profitierte.

Die deutsche S3-Leitlinie zum Reizdarmsyndrom (2021) empfiehlt bei überwiegender Verstopfung Ballaststoffe und nennt lösliche Ballaststoffe als bevorzugte Wahl. Eine Diagnose Reizdarm sollte aber immer ärztlich gestellt werden, denn ähnliche Beschwerden können auch andere Ursachen haben.

Blutzucker

Gelbildende Ballaststoffe können die Aufnahme von Zucker aus einer Mahlzeit verlangsamen. Eine Metaanalyse von 2015 (Gibb und Kollegen), an der auch ein Hersteller beteiligt war, fand bei Menschen mit Typ-2-Diabetes niedrigere Nüchternblutzuckerwerte, bei Menschen mit normalem Blutzucker aber keinen messbaren Effekt. Diese Ergebnisse sind ein Grund mehr, warum Menschen mit Diabetes Flohsamenschalen nur in Absprache mit ihrem Arzt einnehmen sollten. Mehr zum Thema lesen Sie in unserem Beitrag zu Blutzuckerspitzen.

Flohsamenschalen im Vergleich zu anderen Ballaststoffquellen

Ballaststoff-Ergänzungen im Überblick
QuelleEigenschaftWas zu beachten ist
FlohsamenschalenBindet bis zum 40-Fachen des Eigengewichts an Wasser, kaum fermentiertViel trinken, Abstand zu Medikamenten
Ganze FlohsamenQuellen schwächer als die SchalenStudien beziehen sich meist auf die Schalen
Inulin (z. B. aus Chicorée)Löslich, wird im Dickdarm vollständig vergorenKann deutlich mehr Gase bilden
WeizenkleieÜberwiegend unlöslichBei Reizdarm in Studien ohne Nutzen
Leinsamen, geschrotetRund 22 g Ballaststoffe pro 100 gBfR rät zu höchstens 20 g pro Tag (Cadmium)

Eine Ergänzung ist allerdings immer nur ein Baustein. Die Vorteile einer ballaststoffreichen Ernährung beruhen laut DGE auf einer Mischung aus Vollkorn, Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten und Nüssen. Wie Sie die empfohlenen 30 Gramm am Tag erreichen, zeigt unser Artikel Wie viel Ballaststoffe am Tag?.

Richtig einnehmen: Dosierung und Timing

Die EMA-Monografie nennt für Erwachsene und Jugendliche eine Tagesmenge von 7 bis 11 g, verteilt auf eine bis drei Portionen. Bei bestimmten Anwendungen, etwa ergänzend zur Ernährung bei erhöhtem Cholesterin, reicht die Spanne bis 20 g. In den Cholesterin-Studien lag die mittlere Menge bei rund 10 g. Halten Sie sich im Zweifel an die Angaben auf der Packung.

Entscheidend ist die Flüssigkeit. Laut EMA sollten Sie pro Gramm Flohsamenschalen mindestens etwa 30 ml trinken. Für 5 g sind das also mindestens 150 ml, in der Praxis ist ein großes Glas mit 200 bis 300 ml sinnvoll. Zusätzlich sollten Sie über den Tag verteilt ausreichend trinken.

Den Zeitpunkt können Sie frei wählen, solange zwei Regeln gelten: tagsüber und nicht direkt vor dem Schlafengehen. Und zu anderen Medikamenten sollten mindestens eine halbe bis eine Stunde Abstand liegen.

Richtig anwenden: die häufigsten Fehler

  1. Zu wenig trinken. Ohne genug Flüssigkeit quellen die Schalen im Darm zu einem festen Klumpen. Das kann Verstopfung verstärken statt lösen.
  2. Zu schnell zu viel. Wer von null auf 10 g springt, bekommt häufig Blähungen und Völlegefühl. Der Darm braucht ein paar Tage zur Gewöhnung.
  3. Gleichzeitig mit Tabletten einnehmen. Flohsamenschalen können die Aufnahme anderer Wirkstoffe verzögern, auch die von Mineralstoffen und Vitamin B12.
  4. Direkt vor dem Schlafengehen. Im Liegen und mit wenig Flüssigkeit im Körper steigt das Risiko, dass die Masse in Speiseröhre oder Darm stecken bleibt.
  5. Pulver trocken löffeln oder einatmen. Trockenes Pulver kann im Hals quellen. Außerdem enthalten Flohsamenschalen starke Allergene, die EMA rät, das Einatmen von Pulver zu vermeiden.
  6. Beschwerden zu lange selbst behandeln. Bessert sich eine Verstopfung trotz Einnahme nach drei Tagen nicht, sollten Sie laut EMA ärztlichen Rat einholen.

Nebenwirkungen und Wechselwirkungen

Die häufigste Nebenwirkung sind Blähungen, vor allem in den ersten Tagen. Sie lassen meist nach, wenn die Menge langsam gesteigert wird. Bei zu geringer Trinkmenge kann es zu Verstopfung bis hin zu einem Verschluss von Speiseröhre oder Darm kommen. Warnzeichen sind Brustschmerzen, Erbrechen sowie Schluck- oder Atembeschwerden nach der Einnahme.

Flohsamenschalen können allergische Reaktionen auslösen, von Hautausschlag bis zu Atembeschwerden. Gefährdet sind vor allem Menschen, die häufig mit dem Pulver hantieren. Wer schon einmal allergisch reagiert hat, sollte sie nicht mehr verwenden.

Bei den Wechselwirkungen nennt die EMA unter anderem Herzglykoside, Gerinnungshemmer vom Cumarin-Typ, Carbamazepin und Lithium, deren Aufnahme verzögert sein kann. Bei Schilddrüsenhormonen und Diabetes-Medikamenten kann eine Dosisanpassung nötig werden, deshalb gehört die Einnahme hier unter ärztliche Begleitung.

Mythen-Check

„Flohsamenschalen entgiften den Darm“

Nein. Flohsamenschalen binden Wasser und vergrößern das Stuhlvolumen. Von „Schlacken“ oder Giftstoffen, die dabei gelöst würden, ist in der Fachliteratur keine Rede. Warum der Körper ohnehin keine Entgiftungskur braucht, lesen Sie in unserem Detox-Check.

„Viel hilft viel“

Ebenfalls falsch. Mehr als die empfohlene Menge bringt keinen Zusatznutzen, erhöht aber das Risiko für Blähungen, Völlegefühl und bei zu wenig Flüssigkeit auch für Verstopfung.

„Flohsamenschalen machen schlank“

Die Schalen quellen im Magen und können kurzfristig satt machen. Ein eigenständiges Mittel zum Abnehmen sind sie nicht. Wer Gewicht verlieren möchte, erreicht mehr über eine insgesamt ballaststoffreiche, ausgewogene Ernährung und Bewegung.

„Wer Flohsamenschalen nimmt, braucht kein Vollkorn“

Nein. Eine Ergänzung liefert eine einzige Faserart. Vollkorn, Gemüse, Obst und Hülsenfrüchte bringen dagegen verschiedene Ballaststoffe plus Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe mit.

Fazit

Flohsamenschalen gehören zu den am besten untersuchten Ballaststoff-Ergänzungen. Sie binden viel Wasser, machen den Stuhl geschmeidiger und senkten in Studien das LDL-Cholesterin moderat. Gleichzeitig sind sie kein Lebensmittel, das man nebenbei löffelt: Genug trinken, langsam steigern und Abstand zu Medikamenten halten sind die drei Regeln, auf die es ankommt.

Wer Medikamente nimmt, Diabetes hat oder unter anhaltenden Verdauungsbeschwerden leidet, sollte die Einnahme vorher ärztlich besprechen. Und als Ersatz für eine ballaststoffreiche Ernährung taugen sie nicht, sondern höchstens als Ergänzung.

Häufige Fragen

Wie viel Wasser muss ich zu Flohsamenschalen trinken?

Die EMA nennt mindestens rund 30 ml Flüssigkeit pro Gramm. Für 5 g Flohsamenschalen sind das mindestens 150 ml, besser ist ein großes Glas mit 200 bis 300 ml und ein weiteres Glas danach. Zusätzlich sollten Sie über den Tag ausreichend trinken.

Wann ist die beste Zeit, Flohsamenschalen einzunehmen?

Tagsüber, zum Beispiel morgens oder vor einer Mahlzeit, aber nicht direkt vor dem Schlafengehen. Zu anderen Medikamenten sollten Sie mindestens eine halbe bis eine Stunde Abstand halten.

Kann man Flohsamenschalen jeden Tag nehmen?

Viele Menschen nehmen sie als tägliche Ballaststoffergänzung, ausreichend Flüssigkeit vorausgesetzt. Wenn Sie sie wegen Verstopfung einnehmen und sich nach drei Tagen nichts bessert, oder wenn Sie regelmäßig Medikamente nehmen, sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Ihrer Apotheke.

Machen Flohsamenschalen Blähungen?

Anfangs ist das möglich. Weil Psyllium im Dickdarm nur wenig vergoren wird, blähen Flohsamenschalen aber meist weniger als etwa Inulin. Starten Sie mit einer kleinen Menge und steigern Sie langsam. Mehr zu möglichen Ursachen lesen Sie im Artikel Blähbauch.

Was ist der Unterschied zwischen Flohsamen und Flohsamenschalen?

Flohsamenschalen sind nur die äußere Hülle der Samen. Sie enthalten den größten Teil der quellfähigen Schleimstoffe und quellen deutlich stärker als die ganzen Samen. Die meisten Studien wurden mit den Schalen gemacht.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. EMA/HMPC (2013): Community herbal monograph on Plantago ovata Forssk., seminis tegumentum (EMA/HMPC/199774/2012)
  2. EMA: Plantaginis ovatae seminis tegumentum (Ispaghula husk), Zusammenfassung für die Öffentlichkeit
  3. Jovanovski E et al. (2018): Effect of psyllium (Plantago ovata) fiber on LDL cholesterol and alternative lipid targets, non-HDL cholesterol and apolipoprotein B. Am J Clin Nutr 108: 922-932
  4. Moayyedi P et al. (2014): The Effect of Fiber Supplementation on Irritable Bowel Syndrome: A Systematic Review and Meta-analysis. Am J Gastroenterol 109: 1367-1374
  5. Gibb RD et al. (2015): Psyllium fiber improves glycemic control proportional to loss of glycemic control: a meta-analysis. Am J Clin Nutr 102: 1604-1614
  6. Layer P et al. (2021): Update S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom (DGVS/DGNM). Z Gastroenterol 59: 1323-1415
  7. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Ausgewählte Fragen und Antworten zu Ballaststoffen