Evidenzbasiert. Verständlich. Alltagstauglich.Über uns

Testosteron bei Männern ab 40: Was Lebensstil wirklich bewirkt

Weniger Lust, mehr Bauch, wenig Energie: Schnell fällt der Verdacht auf das Testosteron. Was dahintersteckt und welche Stellschrauben laut Studien tatsächlich etwas bewegen.

NWJ Redaktion8 Min. Lesezeit
Mann Mitte vierzig beim Joggen auf einem Waldweg im Morgenlicht

Das Wichtigste in Kürze

  • Mit dem Alter sinkt Testosteron nur langsam, um etwa 1 bis 2 Prozent pro Jahr. Übergewicht und Begleiterkrankungen spielen laut Fachleitlinie die größere Rolle.
  • Abnehmen ist die wirksamste Lebensstil-Maßnahme: In einer Meta-Analyse stieg der Gesamtwert bei Diäten im Mittel um knapp 2,9 nmol/l.
  • Eine Woche mit nur fünf Stunden Schlaf pro Nacht senkte in einer Studie den Testosteronspiegel junger Männer am Tag um 10 bis 15 Prozent.
  • Für die meisten Zutaten in Testosteron-Boostern gibt es keine Daten. Nur rund ein Viertel war überhaupt mit einem Anstieg in Studien verknüpft.

Der Bauch wächst, obwohl sich am Essen wenig geändert hat. Nach der Arbeit fehlt die Energie für den Sport, und die Lust auf Sex ist auch nicht mehr, was sie mit 30 war. Viele Männer um die 45 kennen dieses Bild und fragen sich: Liegt es am Testosteron?

Die Frage ist berechtigt, die Antwort aber oft eine andere als erwartet. Denn das Alter allein senkt den Testosteronspiegel nur langsam. Deutlich mehr Einfluss haben Faktoren, die Sie selbst verändern können: Körpergewicht, Schlaf, Bewegung und Stress.

Dieser Artikel zeigt, was die Studienlage über Testosteron ab 40 sagt, wann ein Bluttest sinnvoll ist und warum sogenannte Testosteron-Booster in den meisten Fällen nicht halten, was die Verpackung verspricht.

Was Testosteron im Körper macht

Testosteron ist das wichtigste männliche Sexualhormon. Es wird überwiegend in den Hoden gebildet und beeinflusst Libido, Erektionsfähigkeit, Muskelmasse, Knochendichte, Blutbildung und die Fettverteilung. Auch Stimmung und Antrieb hängen damit zusammen.

Der Spiegel schwankt im Tagesverlauf. Er ist morgens am höchsten und sinkt bis zum Abend ab. Ein großer Teil der täglichen Ausschüttung findet im Schlaf statt. Das erklärt, warum schlechter Schlaf so direkt auf den Hormonhaushalt durchschlägt.

Im Blut ist ein großer Teil des Testosterons an Transporteiweiße gebunden, vor allem an das sexualhormonbindende Globulin (SHBG). Nur ein kleiner Anteil zirkuliert frei. Deshalb kann es sinnvoll sein, neben dem Gesamtwert auch das freie Testosteron zu bestimmen, etwa bei starkem Übergewicht oder im Grenzbereich.

Wie stark sinkt Testosteron mit dem Alter?

Bei gesunden Männern geht der Testosteronspiegel ab dem mittleren Alter um etwa 1 bis 2 Prozent pro Jahr zurück. Das ist ein langsamer Prozess, der allein selten Beschwerden verursacht. Die Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Urologie (EAU) betont, dass das Altern bis etwa 80 Jahre nur einen kleinen Teil der niedrigen Werte erklärt.

Als Hauptursachen nennt die Leitlinie Übergewicht, Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes und einen insgesamt schlechten Gesundheitszustand. Bei Männern zwischen 40 und 79 Jahren tritt ein behandlungsbedürftiger Testosteronmangel mit Beschwerden je nach Studie bei 2,1 bis 5,7 Prozent auf. Viele Männer mit Müdigkeit und weniger Lust haben also normale Werte.

Wann ein Bluttest sinnvoll ist

Ein Testosteronmangel wird nicht über einzelne Symptome festgestellt, sondern über die Kombination aus Beschwerden und Laborwerten. Typisch sind laut EAU vor allem weniger Lust, Erektionsprobleme und seltener werdende Morgenerektionen. Unspezifischer sind Müdigkeit, gedrückte Stimmung und nachlassende Kraft.

Gemessen wird das Gesamttestosteron morgens und nüchtern, und zwar an mindestens zwei Terminen. Als Schwelle nennt die Leitlinie 12 nmol/l (3,5 ng/ml). Unterhalb davon kann eine Behandlung bei passenden Beschwerden infrage kommen, besonders deutlich profitieren Männer mit Werten unter 8 nmol/l. Liegt der Wert zwischen 8 und 12 nmol/l, ist oft zusätzlich das freie Testosteron aussagekräftig.

Gewicht: der größte Hebel

Bauchfett ist hormonell aktiv. Es wandelt Testosteron vermehrt in Östrogen um und stört die Signalkette zwischen Gehirn und Hoden. Die EAU-Leitlinie empfiehlt deshalb, bei übergewichtigen Männern mit niedrigem Testosteron zuerst auf Gewichtsabnahme und Lebensstiländerung zu setzen.

Wie groß der Effekt sein kann, zeigt eine Meta-Analyse aus 24 Studien. Eine kalorienreduzierte Ernährung erhöhte das Gesamttestosteron im Mittel um 2,9 nmol/l, eine Magenverkleinerung bei starkem Übergewicht um 8,7 nmol/l. Entscheidend war, wie viel Gewicht verloren wurde: Je mehr, desto stärker der Anstieg.

Für den Alltag heißt das: Schon ein moderater, dauerhafter Gewichtsverlust lohnt sich. Sättigende Mahlzeiten mit viel Gemüse, Eiweiß und Ballaststoffen helfen dabei mehr als kurzfristige Crash-Diäten. Wer abends schnell zu Süßem greift, findet im Beitrag Blutzuckerspitzen vermeiden praktische Ansätze.

Was auf den Teller gehört

Eine spezielle „Testosteron-Diät“ gibt es nicht. Bewährt hat sich eine Kost, die beim Abnehmen hilft und alle Nährstoffe liefert: viel Gemüse und Hülsenfrüchte, Vollkorn, eine Eiweißquelle zu jeder Mahlzeit, Nüsse und pflanzliche Öle. Zucker, Weißmehlprodukte und stark verarbeitete Snacks sollten eher die Ausnahme sein.

Auch Alkohol verdient einen ehrlichen Blick. Er liefert viele Kalorien, verschlechtert die Schlafqualität und fördert so genau die beiden Faktoren, die dem Testosteron am meisten schaden. Wer mehrere Abende pro Woche trinkt, gewinnt durch alkoholfreie Tage oft mehr als durch jede Kapsel.

Schlaf: unterschätzt und messbar

In einer viel zitierten Studie der Universität Chicago schliefen zehn gesunde junge Männer eine Woche lang nur fünf Stunden pro Nacht. Danach lag ihr Testosteronspiegel tagsüber um 10 bis 15 Prozent niedriger als nach ausreichend Schlaf. Zum Vergleich: Das entspricht etwa dem Rückgang von zehn Jahren Alterung.

Die Studie war klein, das Ergebnis passt aber zu weiteren Befunden. Auch Schlafapnoe, also nächtliche Atemaussetzer, geht mit niedrigerem Testosteron einher. Wer laut schnarcht und morgens wie gerädert aufwacht, sollte das ärztlich abklären lassen. Hilfreiche Routinen für die Nacht finden Sie im Beitrag Besser einschlafen.

Bewegung: Ausdauer, Intervalle und Kraft

Sport gilt als natürlicher Testosteron-Booster. Die Daten sind differenzierter. Eine Meta-Analyse zu älteren Männern fand nach kurzzeitigem Ausdauer- und Intervalltraining einen kleinen Anstieg des Ruhewerts. Krafttraining veränderte den Ruhewert dagegen kaum.

Das ist kein Argument gegen die Hantel. Krafttraining baut Muskulatur auf, verbessert die Insulinempfindlichkeit und hilft beim Abnehmen, und damit wirkt es über den größten Hebel indirekt mit. Ideal ist eine Kombination: zwei Krafteinheiten und zwei bis drei Ausdauer- oder Intervalleinheiten pro Woche.

Lebensstil und Testosteron: Was die Studienlage zeigt
MaßnahmeEffekt auf TestosteronEvidenz
Abnehmen bei Übergewichtdeutlicher Anstieg, abhängig vom GewichtsverlustMeta-Analyse, solide
Ausreichend SchlafSchlafmangel senkt den Spiegel messbarkleine Studien, plausibel
Ausdauer- und Intervalltrainingkleiner Anstieg des RuhewertsMeta-Analyse, kurze Studien
Krafttrainingkaum Effekt auf den Ruhewert, aber wichtig für MuskelnMeta-Analyse
Vitamin D bei normalem Testosteronkein Effekt nachgewiesenrandomisierte Studie
Testosteron-Boostermeist nicht untersuchtschwach

Stress, Zink und Vitamin D

Dauerstress hält das Stresshormon Cortisol hoch, verschlechtert den Schlaf und fördert Bauchfett. So wirkt er auf mehreren Wegen gegen einen gesunden Hormonhaushalt. Wie das zusammenhängt, erklärt der Beitrag Cortisol: was Dauerstress im Körper macht.

Zink trägt laut zugelassener EU-Angabe zur Erhaltung eines normalen Testosteronspiegels im Blut bei. Das bedeutet aber nicht, dass zusätzliches Zink den Spiegel über das Normale hinaus anhebt. Wer sich ausgewogen ernährt, ist meist ausreichend versorgt. Eine Ergänzung ist vor allem dann ein Thema, wenn ein Mangel vorliegt.

Ähnlich sieht es bei Vitamin D aus. In einer randomisierten Studie aus Graz erhielten gesunde Männer mit normalen Testosteronwerten zwölf Wochen lang Vitamin D oder Placebo. Ein Effekt auf das Gesamttestosteron zeigte sich nicht. Ein nachgewiesener Vitamin-D-Mangel sollte trotzdem ausgeglichen werden, aber aus anderen Gründen.

Testosteron-Booster im Faktencheck

Im Internet werden zahlreiche Kapseln angeboten, die den Testosteronspiegel natürlich steigern sollen. Ein Forschungsteam aus den USA hat 50 solcher Produkte untersucht. 90 Prozent versprachen, Testosteron zu steigern, die Hälfte warb mit mehr Libido.

Die Analyse der Zutaten fiel ernüchternd aus. Für 61,5 Prozent der Inhaltsstoffe fanden sich keine Daten zur Wirkung auf Testosteron. Nur 24,8 Prozent waren in Studien mit einem Anstieg verknüpft, 10,1 Prozent sogar mit einem Rückgang. Dazu kamen teils sehr hohe Dosen an Vitaminen und Mineralstoffen, 13 Produkte überschritten bei Zink, Niacin oder Magnesium die in den USA festgelegten Höchstmengen.

Pflanzliche Zutaten wie Ashwagandha sind nicht automatisch harmlos. Was dazu bekannt ist und wovor das BfR warnt, lesen Sie im Beitrag Ashwagandha: Wirkung, Studienlage und Risiken.

Richtig anwenden: die häufigsten Fehler

  • Einen einzelnen Wert überbewerten: Ein niedriger Nachmittagswert nach einer kurzen Nacht sagt wenig. Erst zwei Messungen am Morgen geben ein verlässliches Bild.
  • Symptome allein deuten: Müdigkeit und weniger Lust können auch von Stress, Depression, Schilddrüse oder Medikamenten kommen.
  • Booster statt Basics: Kapseln ersetzen weder Gewichtsabnahme noch ausreichend Schlaf.
  • Nur Krafttraining machen: Für den Hormonhaushalt und das Herz lohnt sich auch Ausdauertraining.
  • Testosteron ohne ärztliche Kontrolle: Präparate aus dem Internet oder dem Fitnessstudio können die eigene Produktion drosseln und die Fruchtbarkeit beeinträchtigen.

Mythen-Check

„Ab 40 geht es mit dem Testosteron steil bergab“

Bei gesunden Männern sinkt der Spiegel langsam. Starke Abfälle hängen meist mit Übergewicht, Diabetes oder anderen Erkrankungen zusammen und sind damit zum Teil beeinflussbar.

„Bestimmte Lebensmittel steigern Testosteron“

Einzelne Lebensmittel haben keinen nennenswerten Effekt. Was zählt, ist das Gesamtbild: eine Ernährung, die beim Abnehmen hilft und keinen Nährstoffmangel entstehen lässt.

„Mehr Testosteron ist immer besser“

Bei Männern mit normalen Werten bringt zusätzliches Testosteron laut EAU-Leitlinie keinen nachgewiesenen Nutzen. Von außen zugeführtes Testosteron drosselt die eigene Produktion, kann die Spermienbildung unterdrücken und den Anteil roter Blutkörperchen gefährlich erhöhen. Ziel ist ein normaler Spiegel, kein möglichst hoher.

Fazit

Das Alter allein ist selten der Hauptgrund für niedriges Testosteron. Übergewicht, Schlafmangel und Bewegungsmangel wiegen schwerer, und genau hier liegen die wirksamsten Stellschrauben. Abnehmen ist laut Studienlage der größte Hebel.

Booster-Kapseln können da nicht mithalten, die meisten Zutaten sind nicht untersucht. Wer Beschwerden hat, sollte zweimal morgens messen lassen und die Ergebnisse ärztlich besprechen, statt auf eigene Faust zu experimentieren.

Häufige Fragen

Welcher Testosteronwert ist bei Männern über 40 normal?

Die europäische Urologen-Leitlinie nennt 12 nmol/l (3,5 ng/ml) Gesamttestosteron als Schwelle. Werte darunter sind zusammen mit typischen Beschwerden ein Hinweis auf einen Mangel. Gemessen wird morgens, nüchtern und an zwei verschiedenen Tagen.

Kann man Testosteron auf natürliche Weise steigern?

Am besten belegt ist Abnehmen bei Übergewicht. Ausreichend Schlaf und regelmäßiges Ausdauer- oder Intervalltraining unterstützen zusätzlich. Bei Männern mit normalen Werten lässt sich der Spiegel aber nicht beliebig nach oben treiben.

Wirken Testosteron-Booster aus dem Internet?

In einer Analyse von 50 Produkten gab es für 61,5 Prozent der Zutaten keine Daten zur Wirkung auf Testosteron. Nur rund ein Viertel war mit einem Anstieg verknüpft. Manche Produkte enthielten zu hohe Dosen an Zink oder Niacin.

Wie wirkt sich Schlafmangel auf Testosteron aus?

In einer Studie senkte eine Woche mit nur fünf Stunden Schlaf pro Nacht den Testosteronspiegel junger Männer tagsüber um 10 bis 15 Prozent. Ein großer Teil der täglichen Ausschüttung findet im Schlaf statt.

Welche Symptome deuten auf einen Testosteronmangel hin?

Am typischsten sind weniger sexuelles Verlangen, Erektionsprobleme und seltenere Morgenerektionen. Müdigkeit, gedrückte Stimmung und weniger Kraft können dazukommen, haben aber oft andere Ursachen.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. European Association of Urology (EAU): Guidelines on Sexual and Reproductive Health, Kapitel Male Hypogonadism
  2. Leproult R, Van Cauter E (2011): Effect of 1 week of sleep restriction on testosterone levels in young healthy men. JAMA 305(21)
  3. Corona G et al. (2013): Body weight loss reverts obesity-associated hypogonadotropic hypogonadism: a systematic review and meta-analysis. European Journal of Endocrinology 168(6)
  4. Hayes LD, Elliott BT (2019): Short-term exercise training inconsistently influences basal testosterone in older men: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Physiology 9
  5. Lerchbaum E et al. (2017): Vitamin D and testosterone in healthy men: a randomized controlled trial. Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism 102(11)
  6. Clemesha CG, Thaker H, Samplaski MK (2020): Testosterone boosting supplements composition and claims are not supported by the academic literature. World Journal of Men’s Health 38(1)
  7. Verordnung (EU) Nr. 432/2012 zur Festlegung einer Liste zulässiger gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel